Troyes/Reims

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Troyes/Reims

Beitragvon ------ » 25.12.2006 01:14

Frankreich 1. Liga am 23.12.2006
ES Troyes AC vs. Paris Saint Germain
1:1
Es ist der Tag vor Heilig Abend, 7:45 Uhr, mieseste Temperaturen und Nebel in Stuttgart-Zuffenhausen und die Zeit vor dem türkischen Hüvadias-Süpermarket scheint sich wie ein labbriges Kaugummi ewig in die Länge zu ziehen. Aber es ist das Weihnachtswochenende und wie es die Tradition verlangt, soll es auch in diesem Jahr mal wieder nach Frankreich gehen. Nach langem Hin und Her seitens des französischen Verbands sollten die beiden anvisierten Spiele tatsächlich an einem Tag statt finden, dank unterschiedlicher Anstoßzeiten (15 Uhr und 20:30 Uhr) war beides aber zu realisieren. Und tatsächlich, irgendwann kommt auch endlich KWH a.k.a. VfB-Markus mit dem Mietwagen um die Ecke und die Fahrt kann losgehen. Erster Halt ist Nancy, wo die Mitfahrer Nummer drei, vier und fünf eingepackt werden. Denn da man auch heute wieder dem Verein mit der schlechtesten Fanszene Frankreichs hinterher fährt, muss die Bastia-Bande in Form von Grifo, Kai und Nadine schließlich auch mit an Bord. Gemeinsam geht es über Landstraßen durch die Champagne und ich muss feststellen, dass es selbst für mich als alten Optimisten, der fast allem etwas positives abgewinnen kann, doch noch Regionen in Europa gibt, in die ich niemals im Leben ziehen würde. Die Champagne gehört dazu. Überall Weiden, Kühe und vergammelte Häuser. Dass die Bewohner dieser trostlosen Gegend am liebsten Innereien fressen, sagt ja schon alles. Inmitten dieser Pampa liegt das 60.000-Einwohner-Städtchen Troyes. Kühe gibt es hier auf den ersten Blick zwar nicht, dafür aber auch nicht unbedingt Schönheit. Da Troyes heute gegen die Gäste aus Paris spielen sollte und deren Anhängt in jüngster Zeit wahrlich auf sich aufmerksam gemacht hat, sieht man rund ums Stadion immer wieder kleine, dafür aber gut gepanzerte Bullen-Truppen. Die Ansetzung und der mögliche Doppler mit Reims ruft natürlich einige Hopper auf den Plan, KWH kann bereits ausführlich Meldung erstatten von der Akkreditierungs-Front. Wir ziehen da lieber die normale Variante vor und holen unsere schon vor Tagen bestellten Karten für die Hintertor-Tribüne ab. Die schlagen sich mit 18 Euro nicht gerade billig zu Buche und dazu sitzen wir noch mitten im Block der Heimgruppe „Fair Play 10“. Die 10 steht nicht etwa für das Gründungsdatum 1910, sondern für die Nummer des Departements. Der Name hingegen steht für sehr viel Lächerlichkeit und ich muss mich in puncto schlechteste Fanszene Frankreich tatsächlich korrigieren. In ihrem Fanzine veröffentlichen die FP10 ihre Ziele und dazu gehören: Nicht den Gegner beleidigen, immer blau-weiß angezogen ins Stadion kommen und natürlich immer schön Fairness walten lassen. Nicht nur einmal mussten wir während dem Spiel darüber schmunzeln und die Gruppenziele wurden das ganze Spiel über natürlich von uns in bester Manier geradezu ausgeschlachtet. Etwas komplexer geht es natürlich im Gästeblock zu. Wie hinlänglich bekannt wurde jüngst beim Europapokal-Spiel zwischen PSG und Hapoel Tel Aviv ein Mitglied der Boulogne Boys – Julien – von einem Bullen erschossen. Mal unabhängig davon, dass die BB politisch eher rechts stehen, der Zivicop ein Schwarzer war und die Gejagten aus Israel stammen – wie weit ist es eigentlich gekommen, dass inzwischen auf Fußballfans geschossen wird? Wer sagt, dass der Bulle nicht auch geschossen hätte, wenn alle Beteiligten aus dem gleichen Land gekommen wären und die gleiche Hautfarbe gehabt hätten? Wie kann man noch einem Bullen glauben, der überwiegend bei Fußballspielen eingesetzt wird, wo doch jeder von uns sieht, wie wir Wochenende für Wochenende von den Bullen behandelt und verarscht werden? Wer sagt, dass der Bulle die Wahrheit sagt und wirklich „Scheiß Neger“ gebrüllt wurde oder ob der Scheißkerl nicht eher einfach überfordert war und panisch zur Schusswaffe griff? Letztendlich sagt es mir eins: Dass es darauf in Deutschland keine Reaktionen in den Stadien gab, war mir klar. Unfähig ist man hier, über die Grenzen hinaus zu schauen, Zusammenhänge zu erkennen und Solidarität mit anderen zu bekunden, die der gleichen Subkultur angehören. Schwanzvergleiche sind den meisten hier wichtiger. Doch auch in Frankreich ist man gespalten, ja sogar in der PSG-Szene selbst. Während sich hier in Troyes nämlich die Virage Auteuil im Unterrang postiert und mit „Lutece Falcon“, „Supras Auteuil“ und „Authentics“ die wichtigsten Gruppen ihre Fahne hissen und auch ganz normal Stimmung verbreiten (immer wieder Schalparade, Bengalos zur zweiten Hälfte, ständig Doppelhalter und Fahnen in Bewegung), sieht es bei den Leuten der Virage Boulogne im Oberrang etwas anders aus. Gruppenfahnen hängen keine, dafür aber in der kompletten ersten Halbzeit das Spruchband „Ultras de France, unissons-nous!“ („Ultras von Frankreich, vereinigen wir uns!“; dazu der Totenkopf der Boulogne Boys) und in der kompletten zweiten Halbzeit das Spruchband „Unis nous vaincrons, divises nous perdrons“ („Gemeinsam werden wir siegen, gespalten werden wir verlieren“). Die Virage Auteil scheint sich das nicht zu Herzen zu nehmen, letztendlich leiden aber alle darunter (insgesamt nur 350 Pariser in Troyes, das ist eigentlich schon erbärmlich) und speziell in Paris kann so was ja immer zu extremen Spannungen innerhalb der Szene führen. Würde mich persönlich aber ankotzen, wenn jemand aus meiner Gruppe erschossen (!) wird – Politik hin oder her – und manche aus der gleichen Fanszene so weiter machen, als sei nichts geschehen. Fair Play ist das nicht und somit sind wir schon beim Ärgernis des Tages, denn was sich auf der Heimseite abspielt, das ist keine Stimmung, sondern Krach. Die meiste Zeit singt der Vorsänger ohnehin ganz alleine seine Liedchen durch das Megaphon, im Block ziehen die wenigsten mit. Auch deren Choreo zu Spielbeginn (eher dürftige blau-weiße Folienbänder über einen Teil des Oberrangs, dazu wünscht man der Mannschaft auf französisch „Frohe Weihnachten“) bekommt ne glatte 6. Traurig nur, dass durch den ganzen Krach hier der PSG-Anhang am anderen Ende des gar nicht mal so hässlichen Stade de l’Aube (benannt nach dem Namen des Departements) kaum zu hören ist. Nach Spielende – das Spiel war so ziemlich das schlechteste, was ich je gesehen hab: PSG zeigt, warum man trotz guter Mannschaft doch im Tabellenkeller spielt, Troyes trifft nur im seltensten Fall überhaupt den Ball – verzupfen wir uns recht schnell aus Troyes, in einem Supermarkt wird noch schnell wie üblich das in Frankreich wesentlich billigere Dosenbier (zudem kein Pfand) eingekauft, dann wird Reims angesteuert. Zwar liegt auch die 200.000-Einwohner-Stadt in der Champagne, kann aber an Schönheit wesentlich mehr überzeugen: Lauter enge Gassen, schöne Altbaufassen und dazu besitzt die örtliche Kathedrale – sie gilt als die bedeutendste gotische Kirche Frankreichs und ist UNESCO-Weltkulturerbe – das größte Kirchenfenster Europas. KWH gibt sich von der ganz konsequenten Seiten und verzichtet auf den widerlichen Döner mitsamt unfreundlicher Bedienung und schlendert lieber alleine zur Kathedrale, um ein paar Fotos zu schießen, danach geht es für uns – des Döners wegen mit einem flauen Gefühl im Magen – in Richtung Stade Auguste Delaune.

Frankreich 2. Liga am 23.12.2006
Stade de Reims vs. SC Bastia
1:1
Dieses befindet sich derzeit im Umbau: Haupttribüne samt VIP-Bereich und eine Hintertor-Tribüne sind bereits fertig, an den anderen beiden Seiten sieht man nur Bauzäune und Kräne. Ich muss aber ehrlich sagen: In seinem jetzigen Zustand gefällt mir das Stadion gar nicht mal so schlecht. Man kann schon sehen, dass das Ding mal typisch französischer Einheitsbrei mit Ober- und Unterrang werden soll, noch aber hebt sich das Stadion wirklich ab. Auf der Heimseite sind die „Ultrem 1995“ (Kurzform für „Ultras Remois“) ziemlich am rocken, das ist wesentlich mehr, als erwartet. Im Gästeblock sind es abgezählte 44 Bastiais, aus Korsika – natürlich – mal wieder keiner angereist. Zwar hängen wieder einige Testa-Mora-Fahnen (Symbol Korsikas), allerdings nicht die Fahne der „Sezzione Pariggi“ (relativ ultra-orientierte Exil-Korsen aus Paris (was ja auf korsisch „Pariggi“ heißt)), obwohl ein paar von ihnen anwesend sind. Somit hängt lediglich die Fahne von Grifos „Bastia Rebels 1998“ als einzige Gruppenfahne. Obwohl man mit doppelt so vielen Leuten im Gästeblock steht als letztens noch in Strasbourg (18 Bastiais), ist die Stimmung schlechter als sie kaum sein könnte. In Strasbourg hat man wenigstens mit wenigen Leuten fast 90 Minuten durchgesungen, hier in Reims geht aber fast gar nichts. Da fällt es sogar mir schwer mal wieder darauf hinzuweisen, dass man bei der SCB-Szene immer etwas genauer hinsehen muss, da man schließlich auswärts eine komplett andere Szene hat als zu Hause, hier sich also ein eigener Mikrokosmos Woche für Woche in den Gästeblöcken abspielt, man also nicht pauschal sagen kann „die haben kaum Leute und die Stimmung ist schlecht.“ Das ist zwar nicht verkehrt, aber auch nicht ganz richtig. Eine 40.000-Einwohner-Stadt, weit ab vom Schuss auf einer Insel gelegen, würde in Deutschland wahrscheinlich keinen Schwanz hinterm Ofen vorlocken. Und erinnert sei an dieser Stelle immer noch an die ruhmreichen alten Zeiten der SCB-Fanszene, mit dem Höhepunkt, als einst eine Handgranate aufs Spiel flog. Ein Relikt dieser vergangenen Zeiten steht übrigens heute auch im Gästeblock, ist doch einer der alten Capos der ehemaligen Hauptgruppe „Testa Mora 1992“ vor Ort, der inzwischen wohl auf dem Festland wohnt. Ich hingegen stehe lieber neben dem wandelnden Frankreich-Lexikon Kai, der – da bin ich mir sicher – sämtliche Landkarten in seinen Kopf eingescannt hat und wohl über die Fanszene des hinterletzten Sechstligisten Bescheid weiß. In diesem Moment macht er mich allerdings mal wieder zur Sau, weil ich vorm Gästeblock Geld für den Eintritt erschnorren wollte (die alte Masche, dass man der jeweiligen Landessprache nicht mächtig sei, und so lange permanent auf die ermäßigten Karten zeigt, bis sich die Kassen-Fee dann doch noch erbarmt), mir dummerweise aber irgendeine Szenegestalt die Karte gezahlt hat, weil er Mitleid hatte und die Masche für ernst genommen hat. Beim Weg zum Getränkestand (3,50 Euro für 0,33 Liter Cola – na, vielen Dank…) übrigens der Blick auf den Fernseher, wo gerade ein Fußballspiel auf Eurosport läuft. Hmm, irgendwie kommt das Stadion bekannt vor… Tatsächlich, na klar, das ist Reims. Kult. Eurosport überträgt die zweite französische Liga. Gar nicht zu gefallen wissen übrigens die Toilettenanlagen. Zwar brandneu und gepflegt, aber leider überhaupt noch nicht vollgeschmiert, was doch gerade in Frankreich immer den Reiz an Gästeblock-Toiletten ausmacht. Abpfiff, sportlich fair mit 1:1 getrennt, die SCB-Equipe feiert wie immer stolz seinen Anhang (ob die wissen, dass in Wahrheit keine Sau direkt aus Korsika anreist?), ein letzter Blick auf die schöne Vorstellung von Ultrem ’95 und dann ab zum Auto. In der Innenstadt vom Reims darf es schnell noch ein Kaffee sein, dann kutschiert KWH die Gang bis zu einem Parkplatz irgendwo in der Champagner Pampa (die ist dort genau genommen überall), wo nun für mich die Nachtschicht hinterm Steuer ansteht. Grusel-Faktor 3000 übrigens, als der Rest schon im Auto schlummert und ich am verlassenen und stockdunklen Parkplatz in der Prärie schnell noch eine rauchen will und sich plötzlich Schritte nähern. Da KWH erst vorher erzählt hat, wie er bei seiner Bolivien-Tour 3x überfallen wurde, hechte ich wie von der Tarantel gestochen schnell ins Auto und lasse die Reifen quietschen. Leben will ich hier schließlich nicht, aber begraben werden schon gleich gar nicht. In Nancy werden Grifo, Kai und Nadine wieder rausgeschmissen, kurz vor Strasbourg darf dann KWH die Nachtschicht hinterm Steuer antreten. Um 6 Uhr ist Stuttgart endlich erreicht, den Mietwagen abgegeben und die Wege trennen sich. Ganz ist das Kapitel aber noch nicht beendet, schließlich ist Heilig Abend und während ich – mit drei 10er-Boxen französischem Bier unterm Ärmel – von der Bushaltestelle nach Hause laufe, treffe ich auf den Pfarrer, der die letzten Vorbereitung für den abendlichen Gottesdienst an der Kirche trifft und mich anschaut, als wäre ich Katholik. Naja, am Heilig Abend-Morgen total versifft, völlig übermüdet mit tiefen Augenringen und Suff im Arm durch die Gegend zu laufen ist sicherlich nicht das normalste auf der Welt, nicht mal, wenn man aus der Champagne kommt. Aber keine Angst, Herr Pfarrer, das wird sich bis pünktlich um 16 Uhr zum Gottesdienst-Anpfiff ändern. Meinetwegen können wir dann auch vom Oberrang der Kirche aus ne Humba anstimmen und die katholischen Gästefans mit Gesangbüchern bewerfen. Nur jetzt bitte erst mal ne Fahrkarte ins Traumland – es ist ein längerer Aufenthalt geplant…
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