Abstecher nach Kiew

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Abstecher nach Kiew

Beitragvon Groundmutant 2 » 12.04.2007 18:07

Abstecher nach Kiew

Da meine Familienbesuche in Polen eigentlich immer dazu missbraucht werden, um sämtliche Spiele/Stadien in und um den Kohlepott zu beehren, entschloss ich mich diesmal einwenig weiterzufahren. Nachdem alle möglichen Paarungen gecheckt worden waren, entschied ich mich für Arsenal Kiew – FK Dnipro Dnipropetrovs'k.
Am nächsten Tag wurde gleich kurzer Prozess gemacht, die passende Zugverbindung ausgesucht, und auch gleich gebucht, Gliwice-Kiew und zurück. Den drauf folgenden Freitag wurde noch das Derby Ruch Chorzow – Polonia Bytom besucht (doch dazu an anderer Stelle mehr), und am nächsten Morgen stand ich motiviert, voller Vorfreude am Gleis 2 in Gliwice. Lange stand ich da nicht alleine, denn ca. 20 Uniformierte der Sektion „Knüppel&Pumpgun“ gesellten sich zu mir, und störten erheblich die Idylle an diesem wunderschönen Morgen hier, mit ihrer Anwesenheit. Dies brachte mich dazu den Sportteil meiner Gazeta nochmals genauestens zu studieren, und habe festgestellt, dass die Staatsmacht hier nur auf die WKS Slask-Fans warten konnte, um ihnen auf der Fahrt nach Krakow zu Kmita, Gesellschaft zu leisten. So war es auch, kaum rollte der Zug ein, hallte es ein „WKS“ durch den Bahnhof.
Also suchte ich mir einen Platz in den vorderen Wagons. Die Fahrt bis Przemysl verging recht fix, dank „Mi buen amigo“ und anderer Zines.
Deswegen noch mal ein Dankeschön an dieser Stelle an Maxi&Andi.
In Przemysl musste ich umsteigen, da es deutlich günstiger war, den Schlafwagen erst von hier nach Kiew zu buchen. Eine Ersparnis von ca. 50€. Der polnische Schlafwagen wurde hier abgekoppelt und wegen den breiteren Gleisen in der Ukraine/Russland auf einem anderen Gleis umgearbeitet. Anschließend wieder an die bereits wartenden russischen Schlafwagons angekoppelt. So oder ähnlich läuft das Ganze da ab. Dieser Prozess dauert so um die 2-3 Stunden. Währenddessen begnügte ich mich mit der polnischen Grenzkontrolle. Vorm Grenzgebäude angekommen, befand ich mich inmitten einer Menschenmenge mit russischen Akzent, herrlichen Alkoholfahnen und sonstigen Körpergerüchen. Hier trugen mehr Leute Jogginghosen, als ich beim letzten Lodz-Derby ausmachen konnte. Die Frauen kämpften nebenbei mit ihren Gepäckwagen voller Tüten und anderen sperrigen Utensillien um jeden cm. Ich reihte mich erstmal irgendwo brav an, aber als sich nach 20min immer noch nichts tat, drängelte ich mich ins Gebäude vor, um einfach mal nach dem Grund zu schauen. Siehe da, die Tür zur Abfertigung war noch verschlossen. Da ich schon mal hier war, blieb ich natürlich auch. He he. Nach einer Weile öffnete sich die gläserne Tür und die Masse stürmte durch die enge Gasse hindurch, zumindest unternahm sie den Versuch. Dabei konnte ich, hier die geschicktesten Lenkmanöver und Taktiken der Gepäckwagen beobachten. Ein Michael Schumacher hätte es hier nicht besser machen können. Ich selbst war aber auch nicht schlecht, denn erreichte ich doch als vierter den EU-Kontrollkasten. Nur leider hab ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht und so musste ich feststellen, dass die Vier vor mir als Platzhalter für ihren restlichen Clan fungierten. So wurde aus Platz 4, Platz 18 oder so. Egal hatte ich doch massig Zeit, wenn doch nur nicht dieser stechende Geruch wäre. Nachdem ich meinen Pass vorlegte und passieren durfte, ging es hinaus zum Bahnsteig der wiederum abgesperrt war.
Hier verweilte ich dann noch mal locker 1,5 Std., ehe sich für mich die Tore öffneten und ich meinen Platz im Schlafwagen erobern durfte. Die Schaffnerin, welche meinen Zug begleitete, erwies sich als eine vom alten Schlag. Wollte sie mir doch glatt nicht abnehmen, dass es keine DDR mehr gibt. Auf die Frage nach meiner Nationalität, die ich mit deutsch erwiderte, wollte sie wirklich wissen ob ich denn aus der DDR oder West-Germany komme. Nanu?!? Was läuft hier den für nen Film ab? Ihre Stimme wurde nun lauter, und mit ihrem russisch brachte sie mich zur Kapitulation, bis schließlich zwei Fahrgäste eingriffen, welche die Lachnummer mitbekommen hatten, und man sich auf RFN (Republika Federalna Niemiecka) einigen konnte. Nach dieser Belehrung, dass Fernsehen und Medien nicht überall Einfluss haben können, bezog ich mein Abteil, welches ich mir mit zwei anderen teilen sollte. Einem Amerikaner und einem Ukrainer Namens Vitali. Ja Boxer war er auch. Sofort teilte er sein Brot und Bier mit mir. Zum Brot sagte ich nein, aber zum Piwo natürlich nicht. Es wurde ein super geselliger Abend mit den beiden. Zum Glück konnte man in den russischen Schlafwagen auch Bier der Marke „Obollon“ kaufen, und davon wurde auch reichlich Gebrauch gemacht. Es wurde über Fußball und die Welt geplaudert, sowie über den Sinn diskutiert, für ein Spiel nach Kiew zu fahren.
Gegen 10.30 am nächsten Morgen wachte ich auf und nach einer ausgiebigen Hopper-Dusche (Deo-Spray + Deo-Roller) schien sich langsam aber sicher die Hauptstadt anzukündigen. Erst in Form von sehr viel Müll, dann von Zigeunern, welche in den Wäldern hausen und schließlich von Industriegebieten und den ersten Plattenbauten.
Da war ich nun am Ziel, Kiew ist die Hauptstadt und zugleich größte Stadt der Ukraine. Sie liegt am bis hierhin für kleinere Seeschiffe befahrbaren Dnepr und hat 2.455.900 Einwohner. Aufgrund seiner vielen Kirchen und Klöster und seiner großen Bedeutung für die orthodoxe Christenheit wird Kiew seit dem Mittelalter als Jerusalem des Ostens bezeichnet, und aufgrund seiner geschichtlichen Rolle, als Mutter aller russischen Städte bezeichnet (Quelle Wikipedia).
Vitali entschloss sich mich bei meinem Kurzbesuch zu begleiten .Erst brachte er sein Gepäck nach Hause -er wohnte gleich neben dem Bahnhof- Geld wurde getauscht, und anschließend wurde das „Dynamo Stadion“ angesteuert. Eigentlich wollte ich hier nur ein paar Fotos schießen und dann weiter zum Nationalstadion gehen, wo Arsenal seine Heimspiele austragen sollte. Aber falsch gedacht.
Am Dynamo-Stadion angekommen, konnte ich am großen weißen Haupteingang ein kleines Schild entdecken, worauf die heutige Ansetzung „Arsenal- Dnipro 16.00“ stand. Neben dem Schild eine kleine Schar besoffener Dnipro-Fans, welche uns auch gleich nach unserer sozialistischen Einstellung fragten. Vitali ließ nun seine diplomatische Seite sprechen und redete uns aus dieser Lage heraus. Der Mob schien bei einer falschen Antwort besonders motiviert zu sein. Vorbei am Schlägertrupp und den erst besten Ordner mal gefragt, ob Arsenal nun wirklich hier spielt. Egal wenn ich fragte oder Vitali, es kam immer die Antwort, dass Arsenal nun immer hier spielen würde oder aber im CSKA-Stadion. Warum die mal im Nationalstadion gespielt haben, und ob sie es denn wieder tun werden, wusste keiner.
Mich störte es wenig, denn obwohl ich doch den 83.000 kreuzen wollte, sollte es also das Dynamo-Stadion werden, und dieses ist auch sehr sehenswert. Schön im Park gelegen, gleich an der Prachtstrasse Kiews. Umgeben von vielen schönen Gebäuden und einem Palast. Bis zum Anpfiff war also noch Zeit, welche ich einwenig für Sightseeing nutzte. Natürlich musste ich auch mit Vitali das ein oder andere ukrainische Getränk zu mir nehmen . Auffallend war noch, die große Menge an Polizei, Sonderpolizei etc. im Park und um zu. Überall hatten Regierung und Koalition ihre Parteistände aufgestellt, und es wurde mal wieder demonstriert. Hier schien sich politisch wieder was anzubannen, aber dass soll ja nicht Thema sein heute. Gegen 15.30 ging es dann zurück zum Haupteingang, wir versorgten uns mit zwei Tickets für knapp 3€, und daraufhin wurde noch dem Souvenirstand Beachtung geschenkt, wo ein Deutscher auf mich aufmerksam wurde, weil ich mich für die Werder-Europapokalpins interessierte. Als ich dann zum ihm aufsah und das HSV-Cap sah, na ja was denkt man da wohl? Sicherlich vieles, aber falsch gedacht. Er hieß Mario, kam aus Bremen und unterrichtet hier in Kiew an der Uni deutsch. Ah ja nebenbei ist er auch noch HSV-Fan. Also war mal wieder für reichlich Gesprächstoff gesorgt. Durch ihn lernte ich noch zusätzlich den Dnipro-Fanbeauftragten kennen, welcher uns dann auch gleich mit in den Gästeblock nahm.
Hurra hier wollte ich schon mal immer hin  -in den Dnipro-Gästeblock- .
Die paar Besoffkis von heute Morgen staunten nicht schlecht, als sie uns mit ihrem Fanbeauftragten sahen.


Arsenal Kiew - FK Dnipro Dnipropetrovs'k
Wie schon erwähnt, ein wirklich nettes Stadion im Park gelegen, mit blauen Sitzschalen, einem weißen Dynamo-Schriftzug auf der Gegengeraden und auf den Hintertortribünen jeweils mit 1927 und Kiew versehen. Da Arsenal nur eine kleine Fanschar hat oder gar keine, war das Stadion nur spärlich gefüllt. Ich schätze mal, dass sich ca. 3000 Fußballbegeisterte zu diesem Spiel der „Vyscha-Liga verirrt haben. Ein paar Leute mit Arsenal-Schals saßen auf der Haupttribüne, und auf der Gegentribüne lag eine große Arsenal-Blockfahne. Aber während des ganzen Spiels konnte ich keine Anfeuerungsrufe oder ähnliches vernehmen können. Dnipro präsentierte zu Anfang eine mehr oder weniger gelungene Schalparade (eher zweites ), aber die Jungs waren stets bemüht so etwas wie Stimmung aufkommen zu lassen. Dnipro-Rufe kamen relativ oft, auch ein paar Klatschrythmen, sowie zwei drei kurze Lieder wurden gesungen. Etwa so was wie, „Dnipro, Wir sind bei euch“.
Spielerisch wurde natürlich nichts geboten. Arsenal ging durch einen Zufallstreffer in Führung, aber auch dann wurden keine zu großen Emotionen seitens der Arsenal-Fans freigesetzt. Im Gegenteil, Dnipro feuerte ihre Mannschaft nun kurz lauter als bisher an.
Die zweite Halbzeit verlief auf den Tribünen genauso wie die erste. Dnipro versucht alles, sowohl auf den Rängen als auch auf dem Platz; und schließlich gelang auch der Ausgleich.
Nachdem Spiel verabschiedete ich mich von dem Dnipro-Jungs und von Vitali, dem das Spiel nicht besonders gefiel und mehrmals einschlief. Als Boxer wäre wohl Polen interessanter für ihn, he he. Mario begleitete mich noch ein Stück. Mit der Metro, welche wahrscheinlich die tiefste in Europa ist (es geht ca. 200m oder mehr in die Tiefe) fuhren wir zum Bahnhof. Hier konnte ich noch beobachten wie eine junge Frau mit ihren 30cm Absätzen in der Rolltreppe stecken blieb, und somit den ganzen Betrieb lahm legte. Nette Performance, die aber auf wenig Gegenliebe stieß. Die Arme durfte sich nun die übelsten Beschimpfungen, aller anderen anhören, welche die 200m nun zu Fuß gehen durften.
Am Bahnhof verabschiedete ich mich auch dann vom HSV-Fan, verbrachte die restliche Zeit, bis zur Abfahrt in einem bekannten Fast-Food-Restaurant, ehe ich müde in mein Abteil fiel, welches ich mir mit zwei polnischen Geschäftsleuten teilte. Ohne weitere Eintragungen im Logbuch ging es nach Przemysl, wo ich mir die Spurwechsel-Aktion mal genauer ansah. Anschließend stieg ich wieder um, in mein 2.Klasse Wagon zurück nach Gliwice.
Es war ein gelungener Abstecher, wenn auch für eine Stadt wie Kiew viel zu kurz. Diese sehenswerte Stadt werde ich sicherlich noch mal beehren, und kann ich nur wärmstens empfehlen.
Groundmutant 2
 
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