Juve/Fiorentina/Siena

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 1998

Juve/Fiorentina/Siena

Beitragvon ------ » 23.12.2006 00:28

Wohl kaum ein anderes Spiel verkörpert das, was Fußball in Italien so reizvoll macht, wie das Spiel Livorno gegen Lazio. Mag sein, dass es viele andere Spiele gibt, bei denen spektakulärere Choreos, heißere Atmosphäre und vollere Stadien zu erwarten sind. Die Partie zeigt aber deutlich auf, dass es wohl nirgendwo in Europa so eine Bandbreite an Gruppen gibt, die offen zur Politik nach links oder rechts stehen. Livorno – bekennende Kommunisten. Lazio – offene Faschisten. Zwar sind trotz allem die politischen Kurven in Italien in der Minderheit, meiner Meinung aber mit ein Grund, warum die Ultrá-Kultur in Italien vielen anderen Ländern um Längen voraus ist. Dass die Partie bei dieser Tour letztendlich doch nicht besucht wurde, hat einen anderen, für Italien typischen Grund. Nun aber rein ins Geschehen. Für mich das erste Wochenende seit langer Zeit, an dem ich mir mal wieder frei nehmen konnte, so wurden schon vor einem Montag zwei Karten für den allseits beliebten 29 Euro-Nachtzug nach Bella Italia geordert. Der ursprünglich eingeplante Mitfahrer sprang leider kurzfristig ab, ebenso kurzfristig sprang dafür Daniel von den Ultras Aue ein, der – die Vereinsfarbe verrät es – hauptsächlich wegen der Fiorentina mitgekommen ist.

Italien 2. Liga am 15.12.2006
Juventus Turin vs. AC Cesena
abgesagt
Man muss den Kollegen aus den neuen Bundesländern verstehen. Zum ersten Mal in seinem Leben steht er am Stuttgarter Hauptbahnhof, hat sich zuvor schon ausgiebig die Stadt angeschaut, da er dank Mitfahrzentrale recht zeitig in der württembergischen Hauptstadt angekommen ist, und es ist 23:29 Uhr. Der Nachtzug nach Milano Centrale soll um 23:31 Uhr losrollen, vom Mitfahrer samt Fahrscheinen ist weit und breit noch nichts zu sehen. Hektisch versucht er, den Begleiter für die kommenden Tage telefonisch zu erreichen, doch an seinem Handy meldet sich nur die bekannte weibliche Stimme, die ihren üblichen Text von der Nichterreichbarkeit des Teilnehmers herunterbetet. Genau in diese Situation platze ich 90 Sekunden vor Zugabfahrt, als mich Daniel schon halb verzweifelt, halb gottfroh mit einem „Tiiiiiiiiiiim??“ brüllend am Gleis erwartet. Tja, Partner, das ist punktgenaues Timing. Schließlich musste ich um 19 Uhr noch die Spätschicht antreten, alles zeitlich etwas haarig, hat aber hingehauen. Daniels Frage, was denn geschehen wäre, wenn die S-Bahn nur eine Minute Verspätung gehabt hätte, kann mit dem Vertrauen ins Unternehmen Zukunft a.k.a. Deutsche Bahn beantwortet werden und derweil die Plätze im Abteil eingenommen werden. Auch dieses Mal gehört jedem SparNight-Fahrer auf dem Weg nach Milano ein eigenes Abteil, einer entspannten Nacht mitsamt einigen mitgebrachten französischen Bierchen meinerseits steht also nichts im Wege. Lediglich die Freuden einer außereuropäischen Grenze bleiben uns nicht erspart, deutscher, schweizer und italienischer Zöllner poltern immer mal wieder ins Abteil, gleich danach noch mal die jeweiligen Schaffner. Als absoluten Höhepunkt lassen die Italiener einen Drogenspürhund durchs Abteil flitzen, da ist man sofort hellwach, wenn man im Halbschlaf den Ausweis rauskramt und einen plötzlich so ein Vieh anspringt – besser als jeder Kaffee. Pünktlich um 7:45 Uhr wird Milano erreicht und meine ursprüngliche Idee, sofort weiter nach Torino zu fahren, weiß der Ossi mitsamt seinem Kulturdurst jäh zu stoppen. Jaja, ein Metroticket in die Innenstadt soll es sein, dazu Sightseeing inklusive Dombesichtigung. Na gut, machen wir ja alles mit, auch wenn es ein alter Hut ist. Kurz vor Mittag geht es dann in den Zug zum Turiner Porta Nuova-Bahnhof, leider steigen wir im Tran in den 11:10 Uhr-Zug statt in den 11:15 Uhr-Zug. Ersterer ist ein IC und natürlich wesentlich teurer, wir hingegen haben aber für nur 7,90 Euro ein normales Ticket gelöst. Der Fehler fällt mir erst in Novara auf, also hektisch den Zug verlassen und kurz auf den anderen warten, aber alles unnötige Panikmache, denn wie so oft waren in beiden Zügen keine Schaffner. Die Dauer-Baustelle und Millionen-Stadt Turin um 13 Uhr erreicht (überall Kräne, Bauzäune und entsprechender Lärm), geht es erstmal über den Po hin zur Via Alby auf dem Monte Capuccini, dort wartet die örtliche Jugendherberge. Die Tante hinterm Tresen ist kulant, unsere nicht vorhandenen Jugendherbergsausweise samt eigentlich zu leistenden Aufpreis werden nicht verlangt, für knapp 20 Euro sind wir dabei. Bevor es in die Stadt geht, will ich mich noch mal für ein paar Minuten hinlegen, Aue meint es aber gut mit mir und lässt mich ratzen, erst als es draußen bereits dunkel ist, spüre ich ein Tippen auf der Schulter: „Duuuu, wir sollten mal los.“ Alles klar, kurz Sightseeing, im diesjährigen Austragungsort der Olympischen Winterspiele gibt es aber – sorry – wirklich nicht viel zu sehen. Mit der Straßenbahn ab zum Stadion Olimpico, nach kurzem Hin und Her liegen die zwei vorab georderten Karten bereit. Schön. In diesem Moment kommen aus die Gästefans aus Cesena an, die von den Drughi & Co. bereits mit einigen Feuerwerkskörpern begrüßt werden, allerdings weniger in der freudigen vertikalen, sondern mehr in der offensiven horizontalen Variante. Am Kiosk darf es dann noch ein Moretti-Bierchen sein, dann ist die Zeit doch schon deutlicher als gewollt vorangeschritten – noch 30 Minuten bis zum Anpfiff. Schnell die Plätze einnehmen, Blick ins weite Runde, sehr schönes, kompaktes Stadion, die beiden Juve-Kurven sind schön beflaggt und die ersten Gesänge – vornehmlich in Richtung der rund 400 mitgereisten Cesenati mitsamt einer kleinen Fahne der Hauptgruppierung WSB („Weiß Schwarz Brigaden“) vorm Mob – stimmen schon freudig ein. 15 Minuten vor dem Anpfiff kommt eine Durchsage, alle Zuschauer stehen auf. Aha, wohl ne Schweigeminute, aber als die Kurven anfangen, ihre Fahnen abzuhängen und die Leute das Stadion zu verlassen, werde ich stutzig. Mal eben einen Zuschauer anhauen, was hier los ist. Soso, zwei Juve-Jugendspieler sind also im Training ertrunken. Klingt zwar auf den ersten Blick sehr komisch, sie wollten aber Fußbälle aus einem künstlichen Teich fischen und da die Bodenschicht des Gewässers wohl so glitschig war, versagten irgendwann die Kräfte und die beiden Jungs sind ertrunken. Markaber: Die Gazzetta dello Sport zeigte am nächsten Tag mit einem Pfeil sogar die exakte Stelle, an der die Spieler gestorben sind. Ob in Deutschland ein Spiel deswegen abgesagt werden würde, wage ich zu bezweifeln, aber die Italiener sind bei so etwas nun mal viel konservativer. Dass nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. sogar ein kompletter Spieltag abgesagt wurde, erschließt sich für mich als Protestanten zwar überhaupt nicht, ist aber halt auch typisch Italien. Meine Sorge war nun, dass man dieses Wochenende ähnlich reagieren könnte, bis auf ein großes Medien-Echo und Schweigeminuten vor allen Partien wurde der Spieltag regulär durchgezogen. Nun gut, also heißt es für uns raus auf die Straße und schauen, ob sich in Gästeblock-Nähe noch etwas tut. Dass die meisten Juve-Ultras hier nämlich vermummt und mit Doppelhalter-Stecken in der Hand rumlaufen, ist doch ein eindeutiges Zeichen für eventuell etwas Riot. Die zahlreichen Carabinieri sorgen allerdings dafür, dass die Cesenati ungestört abreisen können, wir ziehen uns das ganze aus einer benachbarten Pizzeria rein. Skandal des Tages: Das alte Relikt vergangener Tage mit der Benutzungsgebühr für Tisch und Besteck in einem Restaurant gibt es tatsächlich immer noch, 2,60 Euro nimmt man uns ab. Mir war dieses Prozedere zwar bekannt, wuchs ich doch teilweise in Innsbruck auf und war als Kind einige Male an südtiroler Restaurant-Tischen zu Gast, der Ossi staunt aber nicht schlecht, was man da von ihm will. Zähneknirschend drücken wir die Kohle ab, dann aber gleich mit der Tram zur Jugendherberge. Halt, denn während wir an der Straßenbahnhaltestelle stehen, quatschen uns zwei Drughi an, wie denn das Spiel ausgegangen sei. Ich verstehe, man ist mal wieder dabei, uns in eine brenzlige Situation zu befördern. Sehen wir denn so nach Gästefans aus? Selbst nach meinem „Sorry, you speak English?“ bleiben die Drughi hartnäckig. „How was the game??“ – „What for a game?“ – „Football game. Juve-Cesena!!!“ – „I don’t know, that there was a game.“ Puh, die Typen schlucken den Braten und drücken ihre Betroffenheit für die beiden gestorbenen Jugendspieler der Berretti aus, jetzt müssen wir nur noch aufpassen, dass uns während der Fahrt nicht das Stadionheft aus der Tasche fällt und alles ist klar. So kommt es auch. Also, rein ins Bettchen, um 6 Uhr klingelt schließlich schon wieder der Wecker.

Italien 1. Liga am 16.12.2006
AC Fiorentina vs. AC Milan
2:2
Ein Glück konnte ich Daniel überreden, die Nacht in der Jugendherberge zu verbringen. Wollte dieser doch die Nacht-Verbindung inklusive Bahnhofsübernachtung in Asti nehmen, um Kohle zu sparen. Dann wäre ich wohl am Morgen noch geräderter gewesen als jetzt schon. Aber da muss man jetzt einfach durch, schließlich fährt um kurz nach 7 Uhr bereits der Intercity nach Florenz. Der braucht für die 400 km rund fünf Stunden und schlägt sich samt IC-Zuschlag mit gerade mal 29,68 Euro zu Buche. Das ist fair. Die Bummelzug-Variante hätte gar nur 22 Euro gekostet. Leider haben wir die Fahrt nicht am selben Automaten gebucht und würden so im übervollen Zug nicht im gleichen Waggon sitzen, also wird die meiste Zeit im Bordrestaurant gechillt (böse Blicke des dortigen Barkeepers, dass wir uns so lange an nur einem Capuccino aufhalten). Pünktlich am Bahnhof Campo di Marte – dort befindet sich auch das Stadio Artemio Franchi – angekommen gleich mal in den Transferzug zum Hauptbahnhof Santa Maria Novella und ab auf Hotelsuche. Wie erwartet sind die beiden im Internet angepriesenen 8 Euro-Hotels bereits ausgebucht, auch die anderen Schuppen – rund um den Bahnhof S.M.N. reiht sich wirklich Hotel an Hotel – sind entweder voll oder bereits ausgebucht. Eine Stunde ist mittlerweile vergangen, die Nerven strapaziert und eigentlich sind wir nur noch am überlegen, ob wir heute Abend noch Livorno fahren sollen und dort suchen oder aber gleich hier in Florenz am Bahnhof pennen. Zum Spaß geht es noch mal in ein Ein-Sterne-Hotel in der Via Nazionale mit dem urigen Namen „Hotel Kursaal“ und schon werden wir fündig: 17 Euro pro Person, das ist sogar noch günstiger als die Jugendherbergen am Stadtrand und hier sind wir auch noch mitten in der Altstadt. Schnell wird gebucht, Daniel will in Florenz bleiben um sich – schließlich zieht er es in Betracht, Kunst zu studieren – die mit Höhepunkten nur so übersäte Altstadt anzusehen, ich hetze hingegen schnell zum Bahnhof, um nach Santa Giovanni Valdarno zu fahren. Warum das ganze? Nun, eigentlich wäre es besser, den Mantel des Schweigens darüber zu hüllen, aber ich will ja offen sein. Im Zug die Gazzetta dello Sport durchgeblättert fiel mir das Spiel der Serie C1 zwischen Sangiovannese und Cittadella Pavio um 14:30 Uhr auf. Im Halbschlaf (wie gesagt, hätten wir wirklich die Nacht am Bahnhof verbracht, ich hätte den Tag komplett vergessen können – bin einfach zu alt für so was) Samstag mit Sonntag verwechselt. Erst im Zug (mit 3,30 Euro abermals billig) erst gemerkt, dass doch C1 eigentlich immer sonntags ist, ist schon alles zu spät. Naja, letztendlich dann doch mal zum Stadion marschiert, ganz nettes Ding, aber bis auf ein Jugendspiel ist nichts los. Das wird großzügig unbeachtet gelassen, im Coop vorm Bahnhof schnell noch ein Bier geholt und ab zurück nach Firenze. Im Zug bereits einige Fiorentina-Fans, die die vier anwesenden Milan-Umland-Fans mal eben am nächsten Bahnhof rausschmeißen. Kult. Am S.M.N. wartet bereits Aue, der sich das Lachen zu meiner Überraschung sogar verkneift, und gleich wieder zum Campo di Marte. Am Stadion angekommen gleich der nächste Aufreger: Am Kartenschalter gibt man zwar grünes Licht, allerdings ist nur ein Ticket hinterlegt. Was nun? Noch etwas über eine halbe Stunde bis zum Anpfiff und das Stadion ist ausverkauft. Zum Spaß mal eben in den nebenliegenden Sportshop und tatsächlich: Neben einigen schönen Klamotten vom Collettivo Autonomo Viola 1978 gibt es auch noch Haupttribünenkarten für 40 Euro und somit unterm Preis. Eigentlich waren das Freikarten, aber wen juckt’s, hauptsache drin. Stadion mit 41.000 Zuschauern restlos ausverkauft (23.000 davon sind Dauerkartenbesitzer), einzig ein Pufferblock zu den rund 1.200 Milanisti ist frei gehalten. Die Curva Fiesole (hier steht hauptsächlich das CAV) und die Curva Marione trällern bereits einige geile Lieder in diesem wirklich ansehnlichen Stadion, leider funktioniert das nur im seltensten Fall – sprich: wenn gegen Milan gepöbelt wird – gemeinsam, ansonsten zieht jeder sein eigenes Ding durch (ohnehin ist die Florenzer Szene ja etwas dafür bekannt, dass man sich gegenseitig nicht uneingeschränkt riechen kann). Das wird auch bei den Choreos deutlich: Die Curva Fiesole zeigt eine super-geile Choreo, die in den Farben Weiß und Lila die berühmte Florenzer Ponte Vecchio (die Brücke, auf der Häuser gebaut sind) zeigt, dazu im Unterrang silberne Folienbänder. Anfangs besteht das Bild nur aus Zetteln, kurz danach werden an exakt der selben Stelle Fähnchen geschwenkt. Geil. In der Curva Marione darf es etwas Pyro sein, bei den Milanisti – allen voran die Brigate Rossonere 1975 (nach der Auflösung der Fossa dei Leoni die Nr.1 in der Szene) – werden Doppelhalter gezeigt und über 90 Minuten hinweg große Fahnen geschwenkt. Ohnehin scheint es von den Milanisti heute einen schönen gemeinsamen Marsch zum Stadion gegeben zu haben, wie man später im Internet auf Fotos sehen sollte, im Stadion jedoch hat man akustisch kaum eine Chance und beschränkt sich meist auf einfach „Milan, Milan“-Gesänge. Das kann man bei den Violas nicht gerade sagen, die tief in die musikalische Kiste greifen, richtig sauber, das entschädigt sogar für den gestrigen Tag. Ein Wort noch zum Spiel, denn wenn man sieht, wer da heute so alles auf dem Platz stand, da kann man nur mit der Zunge schnalzen. Für die Tore in diesem spannenden Spiel sorgen Mutu für Fiorentina und Gilardino für Milan. Diese Namen sagen wohl schon alles. Nach dem Spiel ist reichlich Zeit, ausgiebig das Angebot der Fressstände vorm Stadion auszutesten, sämtliche Straßen sind schließlich auch für Fußgänger gesperrt, ein über dem Viertel kreisender Polizeihubschrauber hat alles im Auge. Irgendwann haben die Carabinieri Erbarmen, für dürfen zum Bahnhof watscheln. Dort steht bereits der Zug der Milanisti, der wohl im Begriff ist abzufahren. Die Carabinieri fordern auf, zügig weiterzugehen über die Brücke über den Gleisen (am Bahnhof Campo di Marte werden die Fußgänger nicht unter-, sonder oberirdisch über die Gleise geschickt), der kreisende Schlagstock verleiht dieser Forderung Nachdruck. Dann fährt der Zug der Milanisti ab, aber nicht weit, denn kurz nachdem wieder einer von den Terror-Böllern mitten in die Carabinieri auf der Treppe fliegt wird auch schon die Notbremse gezogen, die Zugtüren aufgebrochen und ein paar Milanisti versuchen zu türmen. Ein mordsgeiles Bild von der Brücke oben, wie von allen Seiten Carabinieri über die Gleise und den Bahnsteig flitzen, um die Milanisti einzufangen. Reichlich Action, so viel wurde gar nicht erwartet. Gegen 23 Uhr verlassen auch wir nach einem Capuccino in einer angrenzenden Bar das Geschehen mit dem Transferzug zum Hauptbahnhof S.M.N., um sich noch etwas der Kultur zu widmen. Unglaublich, selbst jetzt kurz vor Mitternacht sind die Straßen noch bumsvoll – und damit meine ich Zustände wie auf einem großstädtischen Weihnachtsmarkt. Auf den engen Gehwegen kommt man nur im Schneckentempo voran, drängeln zwecklos, die Japaner wollen schließlich Fotos schießen. Vorbei am Dom und dem Platz, an dem die ganzen Skulpturen und Statuen (u.a. von Michelangelo) versammelt sind, geht es zur Ponte Vecchio. Speziell jetzt in der Dunkelheit mit den ganzen Lichteffekten bleibt einem weit der Mund offen stehen. Die Schönheit dieser Stadt kann man kaum in Worte fassen, darum zitiere ich einfach die Florenzer Stadtherren. Die meinten nämlich im Jahre 1982, als die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt werden sollte, als Begründung: „Jede Rechtfertigung hierfür ist lächerlich und unverfroren“, da sich hier die „weltgrößte Anhäufung universell bekannter Kunstwerke befinde.“ Ich meine: Zu 100 Prozent dafür! Es war wohl einer der einprägsamsten Momente meines Lebens, mitten im Dezember bei angenehmen Temperaturen zusammen mit Hunderten von Touristen auf der Ponte Vecchio zu stehen und den Liedern eines italienischen Gitarrenspielers zu lauschen. Mehr davon! Doch irgendwann muss man schließlich Abschied nehmen. Die vielen schwarzen Verkäufer, die allen möglichen Kram am Straßenrand verkaufen wollen (übrigens immer mit weißen Bettlaken als Untergrund, denn wenn die Polizei vorbei kommt, muss schnell zusammen gepackt werden, hehe) zum Hotel. Neben der aktuellen Ausgabe von Fan’s Magazine noch ein Moretti zum Einschlafen, dann sollte die Entscheidung des Abends kommen. Wie schon im Vorfeld bekannt, ist es um den Anhang beider Vereine nicht bestens bestellt. Die Curva Nord rund um die Irriducibili ist mit dem neuen Präsident Lotito – gelinde gesagt – nicht zufrieden, dahinter stecken natürlich auch wirtschaftliche Interessen der Irrducibili, schließlich drehte Lotito ihnen den Geldhahn zu. Die Führungsetage der Irriducibili rund um Fabrizio Toffolo, Paolo Arcivieri, Yuri Alviti und Fabrizio Piscitelli traten sogar drei Wochen in den Hungerstreik, die ganze Thematik rund um die Irriducibili geht allerdings zu sehr in die Tiefe und in die Breite, um das hier den Umständen entsprechend auszuführen. Auch bei den Livornesi geht es nach der Auflösung der BAL eher bergab, die aktuellen Bilder im erst vor wenigen Stunden erschienen Fan’s Magazine (in Italien übrigens wie auch die Supertifo an fast jedem Zeitungsstand zu bekommen) gaben letztendlich den Ausschlag dafür, doch nach Siena zu fahren.

Italien 1. Liga am 17.12.2006
AC Siena vs. Atalanta Bergamo
1:1
Der Schönheit von Florenz gebührt es, sich die Stadt auch bei Tag anzuschauen. Aue hat das zwar schon hinter sich, ist aber auch einer zweiten Runde durch Firenze bei Tageslicht nicht abgeneigt. Im Gegenteil, ist er doch auch immer auf der Suche nach Fiorentina- und CAV-Material. Um die Mittagszeit geht es für günstige 5,70 Euro dank inner-toskanischen Tarifs ins eineinhalb Zug-Stunden entfernte Siena. Schon seit Jahrhunderten stehen sich die 400.000-Einwohner-Metropole Florenz und das 50.000-Einwohner-Städtchen Siena in ewiger Konkurrenz gegenüber. Schon bei den ersten Schritten durch Siena wird klar, dass dieses Örtchen weitaus weniger von Touristen tangiert wird, dafür aber kaum hässlicher ist. Natürlich, die ganz großen Sehenswürdigkeiten fehlen, aber die engen Gassen, die sich durch die gesamte hügelige Stadt ziehen (es kommt mir so vor, als ob Siena nur aus einer Altstadt besteht), versprühen einfach nur Charme und den Zauber der Toskana. Mitten in der Altstadt liegt dann auch das Stadio Artemio Franchi (ja, richtig gelesen: gleicher Name wie in Florenz) in einen kleinen Kessel eingelassen, einfach nur geil und hübsch verwinkelt. Das kann man nun wirklicht nicht beschreiben, das MUSS man einfach mal gesehen habe, auch wenn das Stadion selbst eher nur aus weniger attraktiven Stahlrohrtribünen besteht. Schon von weitem ruft die Kassentante meinen Namen und überreicht mir die zwei bestellten Karten. Hmm, die ganzen anderen Hopper scheinen wohl in Livorno zu sein und da fällt ein einziger Ausländer wohl auf. Naja, sei’s drum, gönnen wir uns erst mal ein leckeres Panini am Stand und dann rein ins Geschehen. Offiziell 9.500 Zuschauer, gefühlte 2.000 – das sagt schon alles. Der Gästeblock mit den rund 500 angereisten Bergamaschi macht zwar einiges her, im Heimblock geht es hinter der „Ultras Fighters Siena 1979“-Fahne eher gemächlich her. Dabei scheint es in den ersten Minuten so, als sei hier die Hölle los, denn die Lautstärke schien alle Rekorde zu sprengen. Vermutete ich zuerst die Kessellage des Stadions dahinter, wurde schnell klar: hier verstärkt eine Lautsprecheranlage die Lautstärke der Heimfans. Die Stimmung ist somit gedopt und auch wenn die Melodien noch so schön sind, das lasse ich nicht durchgehen. Gibt für die UFS’79 ein klares X, das hat mit Ultrá-Mentalität nichts zu tun, zumal hier eh keine 100 Leute am singen waren. Wesentlich besser machten es da schon die Bergamaschi, die versammelt hinter einer „Bergamo“-Fahne (BNA, Wild Chaos und Nomadi haben sich bekanntlich aufgelöst, auch in Bergamo läuft derzeit nicht alles zum Besten, aber für genauere Infos fehlt mir einfach der Einblick in die Szene) immer schön viel Stoff in der Luft hatten (naja, im Falle der Bergamaschi kann das auch immer zweideutig sein, hehe), 90 Minuten durchsangen und immer wieder Bengalos anzündeten und gen Spielfeld entsorgten. Auch ihnen schien die Lautsprecher-Stimmung der Senesi ein wenig auf die Eier zu gehen, weshalb immer wieder der ganze Block wahllos auf die Treppen der Stahlrohrtribüne trat, was zwar einen grässlichen Lärm machte, aber stellenweise lauter zu hören war als das Stimmungs-Imitat der Heimfans. Sportlich trennen sich beide Mannschaften 1:1, nach Spielende kommt es zu keinen Auseinandersetzungen und somit Bahn frei für Altstadt bei Nacht. Die kann natürlich auch einiges, bei den verwinkelten Gassen kann man sich leicht mal verirren. In einer abgelegenen Seitenstraße finden wir einen Toskana-Shop, in dem für die Familie – das Weihnachtsfest steht bevor, da macht sich so etwas immer gut – Wein und Salami eingekauft werden kann, für die Rückfahrt dürfen es noch ein paar Moretti sein. Dann aber ab in den Zug nach Florenz, wo um 21:46 Uhr unser Nachtzug nach München abfahren sollte. Bis dahin sind noch zwei Stunden Zeit, die für einen erneuten Ausflug in die Florenzer Altstadt genutzt werden sollen. Wir beide sind auf der Suche nach irgendwelchen Fußballschals, außerdem suche ich für meine Schwester noch eine original Gucci-Handtasche für maximal 15 Euro, womit ein Schwarzafrikaner meines Vertrauens kontaktiert werden muss. Ich werde fündig, Daniel hingegen will auch mal ein bisschen feilschen und handelt den Preis für ein Bild tatsächlich von 25 Euro auf 5 Euro herunter. Seine Sätze, dass er das Bild gar nicht transportieren kann, weil er mit dem Zug da ist, und beim nächsten Mal dann kauft, hält der schwarze Verkäufer für weitere Feilsch-Strategie und läuft uns einige Zeit mit dem Bild in der Hand hinterher. Als er merkt, dass Aue wirklich nicht kaufen will, bezichtigt er ihn, unangenehm zu riechen („Du stinkst!“), und verschwindet wieder. Was ein Spaß zu später Stunde… Weniger lustig geht es im Nachtzug zu, der derweil schon wieder proppevoll ist. Dazu kommen noch ein paar Hopper, die ganz cool mit Livorno-Schal durch den Zug laufen. Bevor wir unseren Plan in die Tat umsetzen können, mal einen auf Pisani zu machen, müssen wir feststellen, dass in unserem 6er-Abteil trotz Reservierung bereits sechs Leute sitzen. Auch den Schaffner scheint das nicht weiter zu stören, meint der doch nur, wir sollen uns selbst darum kümmern. Kult. Naja, uns weiter egal, die restlichen Moretti werden im Gang getrunken und da ohnehin noch Abteile frei sind (immer wieder das gleiche – in einem Abteil sitzen die Leute wie die Sardinen in der Dose und anstatt einfach ein Abteil weiter zu gehen, durchlebt man lieber eine ungemütliche Nacht), können wir eh auf der Fahrt die Beine lang machen. Die Fahrt geht über den Brenner, somit entfallen die lästigen Grenzkontrollen. Das tut der Nachtruhe gut. Abermals pünktlich wird der Münchner Hbf um 6:30 Uhr erreicht. Für Aue wird es noch ein langer Tag auf den Liegestühlen im Schwimmbad, schließlich soll seine Wismut am Abend in der Allianz-Arena spielen, was bereits seinen mitgebrachten CAV-Schal auf den Plan ruft und die ersten Bullen dumm schauen lässt – jetzt reisen die schon in den frühen Morgenstunden an… Kurzes Frühstück und eine Stunde später läuft schon mein Intercity (nur unwesentlich teurer als Bayern- und Baden-Württemberg-Ticket, dazu deutlich schneller) nach Stuttgart aus. Das abendliche Spiel zwischen 1860 und Aue wäre zwar auch eine Alternative gewesen (hab ich Un-Hopper doch noch nicht mal die Allianz-Arena gekreuzt), da am Nachmittag noch ein Auto gekauft werden sollte, fehlte dafür einfach die Zeit. Aber die Tour war auch so genial genug.
------
 

Zurück zu "Europa"

 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron